Modifikationen

Das Ashtanga Yoga-System ist vielleicht herausfordernder als andere Systeme des
Hatha Yoga. Außer wenn Sie sehr jung sind, sehr stark, sehr beweglich oder sehr
talentiert auf eine andere Weise, wird es Sie an Ihre Grenzen bringen, seien sie in der
Ersten Serie, der Zweiten oder den Weiterführenden. Aber es bietet trotzdem Vorteile,
die auch Übende mit weniger Ausdauer, weniger Muskelkraft oder ein Übender mit
einer alten Verletzung genießen können. Es gibt Übende des Ashtanga Yoga, die über
siebzig Jahre alt sind, oder solche mit ernsthaften körperlichen Handicaps, z. B.
Operationen oder der Amputation von Gliedern.

Die Serien im Ashtanga Yoga sind definiert, und die Lehrenden haben nicht die
Autorität oder den Wunsch, sie zu ändern. Darum werden sie die Schüler immer dazu
ermutigen, es weiter zu versuchen, und kein Lehrender wird sich von Gejammer
aufhalten lassen. Aber das bedeutet nicht, dass es überhaupt keine Möglichkeiten zu
Modifikationen gibt.

    „Ich habe viele Klagen gehört von Schülern, die Schwierigkeiten haben mit
    einer bestimmten Stellung (in der Ashtanga-Serie) und die man nicht
    hinauskommen lässt über diesen Punkt, denen man keine Modifikation dieser
    Stellung zum Üben gibt. Das ist nicht die richtige Art zu unterrichten, weil es
    immer noch einen anderen Ansatz gibt. ( .... ) selbstverständlich kann man
    eine Stellung modifizieren. Eine Menge Lehrer erfinden einfach ihre eigenen
    Regeln. Und sie bringen das Ashtanga Yoga in Verruf, oder jede Art von
    Yoga. Vieles, was abläuft, rührt von einem riesigen Ego her.
    ( .... )
    Ich will nur das mitteilen, was ich weiß. Ich kann sagen, auf diese Weise hat
    man im alten Indien unterrichtet. Auf diese Weise hat mein Vater
    unterrichtet. Und auf diese Weise will ich unterrichten. Ich will dabei nichts
    von meinem Ego einbringen."                                             
                               Manju Pattabhi Jois/Richard Clark, Setting The Record Straight.
                        In: Australian Yoga Life 12 (2005), S. 44 f.

Von den Übenden des Ashtanga Yoga wird erwartet, dass sie mit Entschlossenheit
üben, das heißt, von Ihnen wird erwartet, dass Sie sich ernsthaft Mühe geben, aber es
wird definitiv nicht erwartet, dass Sie ihre Grenzen überschreiten und sich verletzen
(
"Wenn es weh tut, machst Du es falsch" - David Williams). Obwohl es in einer
vollen Shala (Schule) effizient zugehen muss, und während einer geführten Klasse
keine Zeit ist für individuelle Ratschläge, wäre es falsch anzunehmen, dass es einem
Übenden überhaupt nicht erlaubt sei, einen eigenen Ansatz bei einem Asana zu finden.

Wenn Sie Schwierigkeiten haben, die eine körperliche Ursache haben, und die es
Ihnen verwehren, ein Asana vollständig zu üben (wie eine Skoliose, verkürzte Sehnen
oder ein beschädigtes Gelenk), empfehlen wir, dass Sie Ihren eigenen Verstand
benutzen und dass Sie verstehen, wann Sie an Ihrer persönlichen Grenze sind. Dann
(aber
erst dann!) modifizieren Sie die Stellung (nicht den Ablauf der Serie) mit der
Hilfe Ihres Lehrers. Üben Sie wie ein vernünftiger Mensch und bauen Sie Ihre Yoga-
Praxis mit der Zeit auf:

  • Moola Bandha zu halten ist vielleicht das Wichtigste beim Ashtanga Yoga – sogar
    noch wichtiger als der Atemrhythmus und bei weitem wichtiger als ein Asana
    „richtig“ auszuführen. Ursprünglich waren die Bandhas das Erste, was neuen
    Schülern beigebracht wurde, gefolgt von der Atmung, und erst danach wurden
    Asanas unterrichtet.

  • In seinem Buch „Yoga Mala“ hat Shri K. Pattabhi Jois die Stufen beschrieben, in
    denen Ashtanga Yoga von denen geübt werden kann, für die die ganze Erste
    Serie noch zu viel ist:

    Stufe 1: Die Sonnengrüße A und B
    Stufe 2: Die Sonnengrüße A und B plus den Ablauf von Sarvangasana bis
    Padmasana

    Übende, die die Stufe 2 beherrschen, sollten die anderen Asanas eines nach
    dem anderen in ihrer eigenen Geschwindigkeit hinzufügen.

  • Als Einsteiger ins Ashtanga Yoga kann man sich vornehmen, innerhalb einer
    selbst definierten Zeit die "Halbe Erste Serie" (also die Einführenden Asanas, die
    Haupt-Asanas bis einschließlich Navasana und die Abschließenden Asanas)
    soweit zu lernen, dass man sie ohne Unterstützung und ohne Unterbrechung
    üben kann. Es muss nicht perfekt sein. Das ist ein Übungsablauf für ca. 60
    Minuten, der Sie für Ihr Leben lang begleiten kann.

  • Wer die ganze Erste Serie "kann", fängt an mit der Zweiten. Trotzdem übt man
    auch weiterhin die Erste.

  • Und wenn Sie es nie über die Erste Serie hinaus schaffen, macht das überhaupt
    nichts. Sie ist der wichtigste Teil des Ashtanga Yoga Systems.

  • Vielleicht wollen Sie einmal versuchen, den Nutzen aus den ersten beiden Serien
    (Roga Chikitsa, Krankheitsbehandlung und Nadi Shodana, Nervenreinigung) auf
    einmal zu ziehen. Wir empfehlen dazu den folgenden Ablauf:

    Einführende Asanas von Surya Namaskar bis Ardha Badddha Padmottanasana
    Haupt-Asanas von Utkatasana bis Navasana oder Setu Bandhasana
    Mittlere Asanas von Pashasana bis Mukta Hasta Sirsasana
    Abschließende Asanas von Urdhva Dhanurasana bis Sukhasana ("Savasana")

    Das dauert ungefähr 110 bzw. 130 Minuten.

  • Eine gute Idee für einen Übungsablauf, wenn Ihre Zeit nicht mehr zulässt, ist die
    folgende Routine nach David Williams:

    3 Sonnengrüße A
    3 Sonnengrüße B
    (Wenn man dabei Urdhva Mukha Svanasana (den nach oben schauenden Hund)
    für fünf Atemzüge hält anstatt nur für einen, ist das gut für den Rücken)
    Danach:
    Yogamudrasana (10 Atemzüge)
    Padmasana (25 Atemzüge)
    Utpluthi (Tolasana, bis zu 108 Atemzüge)
    Sukhasana ("Savasana", so lange, wie Sie wollen)

  • Wenn Sie ein Asana modifizieren müssen, sehen Sie auf unsere Seite "Bücher"
    und vergleichen Sie die Optionen, die David Swenson in seinem "Ashtanga Yoga,
    The Practice Manual" gibt. Dieses Buch wird bald auch auf Deutsch erhältlich sein.

Nehmen Sie es ernst, aber nicht zu ernst.