Dogmatismus und die Wahrheit über Ashtanga Yoga

Vielleicht kennen Sie Lehrer, die Ihnen erzählen, dass sie (bzw. ihr Lehrer) diejenigen
seien, die die Wahrheit über Ashtanga Yoga kennen, die Einzigen, die sie kennen, und
dass alles, was Andere lehren, Ketzerei sei. Sie müssen das wirklich nicht glauben.

Hier ist
unsere bescheidene Wahrheit über Ashtanga Yoga:

Alles, was heute als Ashtanga Yoga gelehrt wird, ist immer nur eine
Interpretation des
Originals,
nicht das Original (das gilt auch für Alle, die von sich sagen, was sie lehren,
sei "definitiv", "authentisch", "traditionell", "pur" etc. und sogar für T. Krishnamacharya
und K.P. Jois!). Nach allem, was wir wissen, wurde das Ashtanga Yoga vor langer Zeit
allmählich entwickelt als ein System zur Erhaltung der Gesundheit, dann mündlich
weitergegeben und schließlich von Vamana Rishi in den "Yoga Korunta" ("Yoga-
Gruppen") schriftlich festgehalten. Und irgendwann wurde die Kunst des Ashtanga Yoga
verlernt und nicht mehr gelehrt, bis zur Wiederentdeckung des Manuskripts von Vamana
Rishi durch Tirumalai Krishnamacharya, der von seinem Lehrer Rama Mohan Brahmachari
aus Varanasi (Benares) auf die Suche danach geschickt worden war. Die Geschichte des
Yoga ist reich an solchen Begebenheiten ....

Solche Manuskripte wurden im alten Indien auf Palmblätter geschrieben, d. h., mit einer
Nadel in ein Palmblatt geritzt, das nicht mehr als 5 cm hoch war. Anscheinend machte T.
Krishnamacharya Notizen von einer beschädigten Kopie dieses Manuskripts, die er in
einer Bibliothek in Kolkata (Kalkutta) gefunden hatte, und gab diese Notizen (nicht das
Manuskript, das verlorenging - "Die Ameisen haben es gefressen!") K.P. Jois. Eine
Abschrift dieser Notizen hing noch Anfang der 1970er Jahre im Haus von K.P. Jois in
Mysore. Sie enthielt keine Abbildungen. Solche ließen sich auf einem
Palmblattmanuskript gar nicht unterbringen.

  • Niemand, der heute lebt, hat die Quelle für das Ashtanga Yoga-System, die "Yoga
    Korunta" von Vamana Rishi, im Original gesehen

  • Niemand, der sie gesehen hätte, könnte sicher sein, aus ihr das Ashtanga Yoga-
    System vollständig und korrekt wiedergegeben zu haben

  • Niemand weiß also, wie Ashtanga Yoga im Detail "wirklich" ist oder wie ein Asana
    "wirklich" auszusehen hat! Alles, was Sie tun können, ist, sich ehrlich Mühe zu
    geben, aber niemand wird je beurteilen können, ob Ihre Interpretation "richtig" ist,
    am wenigsten die Scharlatane, die nur eine Interpretation kennen und diese für die
    einzig richtige erklären! Wir schlagen vor, dass Sie sich davon einfach fernhalten.

Unsere eigene Interpretation ist, dass es im Ashtanga Yoga hauptsächlich um zweierlei
geht:

  • Zum einen um das Lösen von Blockaden und Verspannungen im Körper, deren
    Beseitigung die Gesundheit und das Wohlbefinden fördert und es den Übenden
    ermöglicht, lange Zeit regungslos in Meditation zu verharren. Die Serien wurden
    nach unserem Verständnis im Zusammenhang mit der damaligen Medizin so
    entwickelt, um die Muskulatur, das Skelett, die Organe und die Nervenbahnen in
    den Zustand (zurück) zu bringen, in dem sie am besten funktionieren können (die
    Erste und Zweite Serie heißen  "Krankheitsbehandlung" bzw. "Nervenreinigung"!).
    Sie sollen der Gesundheit förderlich sein und nicht abträglich. Deshalb ist es Unfug,
    seinen Körper mit Asanas zu schinden, für die er nun einmal (noch) nicht geeignet
    ist.

  • Und zum anderen um das Erreichen eines geistigen Zustands, der mit der
    Körperstellung nur bedingt etwas zu tun hat. Es geht u. a. um das Beschäftigen des
    Geistes, um ihn zu zwingen, sich auf das „Genau hier, genau jetzt“ zu
    konzentrieren. Wenn wir dazu eine spektakuläre Körperhaltung brauchen, die
    einzunehmen uns ganz fordert, dann ist das eben so. Wenn wir das nicht brauchen,
    sondern uns ein Leben lang darauf konzentrieren müssen, den Atem zu
    kontrollieren, wenn wir unsere Brust in Richtung unserer Knie bewegen, dann haben
    wir eben einen anderen Weg in Richtung auf dasselbe Ziel. Aber vielleicht erreichen
    wir das Ziel eher als jemand, der mit einem hyperflexiblen Körper geboren wurde,
    und für den jedes neue Asana nur eine neue Arabeske ist:

    "Ein steifer Körper hat ein gutes Potenzial dafür, Yoga zu lernen. Ein
    biegsamer Körper ist normalerweise eher verstrickt in Bhoga (Genuss)."
    Saraswathi Rangaswamy

Wir halten es also für wesentlich aussichtsreicher, den eigenen Verstand und die eigene
Erfahrung dazu zu benutzen, eine Praxis zu entwickeln, die dem Individuum nützt, als
sich selbst und seine Schüler durch blinden Gehorsam auf das geistige Niveau eines
Schäferhundes zu degradieren.
Ein altes Palmblatt-Manuskript,
ähnlich den "Yoga Korunta"