Yoga Korunta

Die „Yoga Korunta“ (Sanskrit für „Yoga-Gruppen“) ist ein sagenumwobenes Manuskript
des indischen Gelehrten Vamana Rishi, auf dem das Ashtanga Yoga schriftlich aus
uralter Zeit überliefert worden sein soll. Mit unseren eigenen Lehrern gehen wir davon
aus, dass dieses Manuskript wirklich existiert hat, obwohl kein heute lebender Mensch
es je gesehen hat. Wir behaupten nicht, dass unsere Ausführungen die historische
Wahrheit wiedergeben, weil sich diese wohl nie wird klären lassen, sondern geben das
wieder, was uns unsere Lehrer darüber sagen konnten.

Nach allem, was wir wissen, hat Vamana Rishi in seinem Manuskript, das wohl, wie es
im alten Indien üblich war, in Palmblätter geritzt war, ein System aus Asana und
Vinyasa beschrieben, das heute "Ashtanga Yoga" genannt wird (die Bezeichnung wurde
von K.P. Jois selbst ursprünglich nicht verwendet, weil mit „Ashtanga Yoga“ bei ihm
eigentlich das „Raja Yoga“ des Patanjali gemeint ist). Verfasst war dieses Manuskript
entweder in Sanskrit, der alten indischen Gelehrtensprache oder in der Gurkha-Sprache
aus Nepal. Was Vamana Rishi niedergeschrieben hat, stammte aus dem Wissen, das
normalerweise mündlich vom Lehrer an den Schüler wiedergegeben wurde, war also
selbst nur ein Kondensat dessen, was gelehrt wurde. Niemand weiß, wie alt die Lehre zu
diesem Zeitpunkt bereits war.

Vamanas Beschreibung dürfte, wie es für solche Texte üblich war, sehr lyrisch und
metaphernartig gewesen sein (man denke an die "Yoga Sutras" von Patanjali), also sehr
weit entfernt von dem, was wir uns heute unter einem Sach- oder Lehrbuch vorstellen.
Sie wird auch nicht sehr lang gewesen sein, weil ein solches Manuskript üblicherweise
aus wenigen zusammengebundenen Palmblättern bestand. Ganz sicherlich enthielt sie
keine Abbildungen, zum einen, weil das völlig unüblich gewesen wäre, zum anderen,
weil auf einem (ca. 5 cm hohen) Palmblatt dafür gar kein Platz gewesen wäre.

Eine Kopie dieses Manuskripts wurde anscheinend in einer Sammlung von alten
Dokumenten in einer Bibliothek in Kolkata aufbewahrt, wo sie vermutlich jahrzehnte-
oder jahrhundertelang vor sich hin rottete. Ein Yogi in Varanasi in Nordindien, der von
der Existenz dieses Yoga-Systems und des Manuskripts wusste (Shri Rama Mohan
Brahmachari, dass er am Mount Kailash gelebt haben soll, könnte eine Legende sein),
schickte seinen Schüler
Shri Tirumalai Krishnamacharya, der bei ihm sieben Jahre lang
Hatha Yoga gelernt hatte, auf die Suche danach. Als Krishnamacharya es (Anfang der
1920er Jahre) fand, war das Manuskript beschädigt, d. h. von Ungeziefer angefressen
(„Ants were eating it!“ – Shri K. Pattabhi Jois). Krishnamacharya machte sich Notizen
davon, ließ das Manuskript selbst aber in der Bibliothek. Es ging irgendwann endgültig
verloren. Wahrscheinlich hat niemand außer Krishnamacharya es gesehen, auch nicht K.
P. Jois.

Krishnamacharya unterrichtete diese Form des Yoga, wie er sie auffasste, seit ca. 1924
in Mysore, ab 1927 auch an K.P. Jois, aber auch an Andere. Seine Notizen von der „Yoga
Korunta“ gab er irgendwann seinem besten Schüler, K.P. Jois. Eine Abschrift oder ein
Extrakt dieser Notizen hing noch Anfang der 1970er Jahre im Haus von K.P. Jois in
Lakshmipuram (Mysore). Sie enthielt die Namen der zu übenden Asanas und nicht viel
mehr. K.P. Jois war aber in der Lage, Passagen aus dem Text zu zitieren, die Notizen
Krishnamacharyas dürften also ausführlicher gewesen sein.

K.P. Jois sagte von sich: „I just teach what my teacher taught me“ ("Ich unterrichte nur,
was mein Lehrer (T. Krishnamacharya) mich gelehrt hat". Krishnamacharya selbst
allerdings hat dieses System vermutlich nicht von Rama Mohan Brahmachari gelernt. Aus
unserer Sicht macht es Sinn, davon auszugehen, dass das, was heute allgemein
„Ashtanga Yoga“ genannt wird, Shri Tirumalai Krishnamacharyas Interpretation der
"Yoga Korunta" von Vamana Rishi ist, eine Interpretation also eines kurzen,
beschädigten Manuskripts, das mit größter Wahrscheinlichkeit keine detaillierten
Anweisungen gegeben oder Abbildungen enthalten hat. Wir gehen davon aus, dass die
„Yoga Korunta“ zwar die Grundlage des Systems bildet, nämlich Gruppierungen von
Asanas, die durch Vinyasa mit dem Atem verbunden sind, aber dass die Details des
Systems die Arbeit von Shri Tirumalai Krishnamacharya sind.